Gott in der Unordnung

Kabelsalat

Auf dem Foto sind viele Luftkabel zu sehen. So nennt man die Leitungen, die über Masten laufen und an Dächern befestigt sind. Hier in Seoul ist das etwas ganz Alltägliches. Für mich wirken die immer wieder unordentlich. Ich mag es nämlich, nach oben zu schauen, zu den Wolken und dem blauen Himmel, und da stören die einfach. Ich hätte die Kabel dann ganz gerne in der Erde vergraben.
Wenn man ehrlich hinschaut: Technisch ist sehr vieles in Korea gut organisiert, wird schnell erledigt, funktioniert gut. Das ist dann doch wichtiger als mein freier Blick nach oben, den ich ja ein paar Meter weiter weg von dieser Stelle sofort wieder habe.
Meine Gedanken verweilen aber bei meinem Eindruck der Unordnung. „Jeder kann aufräumen, aber das Genie beherrscht das Chaos“ – das hab ich in meiner Jugend oft gehört von Menschen, die ihre eigene Unordnung rechtfertigen wollten. Weil mich das beschäftigt hat, bin ich dann in der 11. Klasse auf die Bibelstelle 1 Kor 14,33 gestoßen: „Denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens.“
Mein Religionslehrer am Gymnasium, den ich um Erklärung gebeten hab, meinte nur: „Ja, das ist typisch für Paulus, er gibt uns immer wieder Rätsel auf“. Das war nun weder besonders hilfreich noch sachgemäß, denn Paulus ist wahrlich nicht als Rätselautor bekannt.
Dabei ist es nicht so schwer, die Bibelstelle zu verstehen. „Unordnung“ (griech. akatastasia, ακαταστασία) bedeutet u.a. auch Unruhe, Aufruhr, Verwirrung und wurde im Neuen Testament oft negativ verwendet, zum Beispiel für Streit und ungeordnete geistliche Zustände in Gemeinden.
Und das Wort εἰρήνη, eirene, übersetzen wir gerne mit Frieden, meint aber mehr als bloße Konfliktfreiheit, sondern auch Ganzheit, Harmonie, heilsame Ordnung, funktionierende Gemeinschaft.
Paulus bezieht sich auf die Zustände in Korinth, die er als als teilweise chaotisch empfindet. Mehrere reden im Gottesdienst gleichzeitig, Zungenrede (geistliche Rede in einer Sprache, die der Sprecher nie gelernt hat) gibt es ohne dass sie erklärt wird, es wird wenig Rücksicht auf die Gemeinde genommen. Für Paulus ist der Zweck des Gottesdienstes aber die Erbauung der Gemeinde. Und da braucht es Struktur.
Nun hat er aber gar nichts gegen die vielen Geistesgaben in der Gemeinde. Er sagt nur: Wo alles gleichzeitig, verworren und unverständlich wird, spiegelt sich nicht Gottes Wesen wider.
Oder, um es mit einem weiteren Blick auf das Foto zu beschreiben: Viele Verbindungen sind nicht das Problem, sondern die fehlende Ordnung. Eine Ordnung, die es ja in dem Kabelsalat geben mag, die ich aber nicht erkennen kann. Da bräuchte ich eine Anleitung, warum die Luftkabel so sind wie sie sind.

Paulus gibt der Gemeinde in Korinth eine solche Anleitung. Er will inspirierte Gottesdienste, in denen jedes Gemeindemitglied die eigenen Gaben einbringen kann. Und dafür braucht es eine Ordnung, und die sieht er verortet bei Gott. Der ist nämlich ein Gott des Friedens und nicht der Unordnung. Wer sich auf Gott einlässt, ist auf dem besten Weg, die eigene Unordnung zu überwinden. Und dafür muss er überhaupt gar kein Genie sein.

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