Stell dir vor, es ist Fußball-Weltmeisterschaft – und keiner freut sich so richtig.
Was 2006 in Deutschland noch als Sommermärchen gefeiert wurde, entwickelt sich 20 Jahre später zum größten politisch-sportlichen Desaster aller Zeiten.
Wenn Nationen sich im Wettkampf messen, nutzen sie normalerweise eine große Chance auf Frieden. Es kommt immer darauf an, wie man es definiert, aber zur Zeit gibt es weltweit über 30 Kriege sowie Dutzende weitere bewaffnete Konflikte und Krisen. Ein historischer Höchststand.
Da ist Sport und insbesondere Fußball doch eine großartige Gelegenheit, sich ganz anders zu messen und zu streiten.
Wir erleben aber zur Zeit etwas ganz anderes. Auch wenn die Berichte von den Partien immer wieder positiv sind, gibt es immer mehr Informationen über Gewalt, Übergriffe, politische Sanktionen gegen Spieler aus nicht genehmen Ländern und Ticketpreise, die nur noch von Superreichen bezahlt werden können. Das alles ist kein Fest und schon gar kein Sommermärchen, sondern eine große Katastrophe und eine Manifestation von etwas, die die Kirche als ganz schlimmes Übel bezeichnet: Nämlich die Gier.
Was ist GIER?
Die Kirche nennt die Gier eine der Todsünden. Eine Todsünde ist etwas, das so schwer wiegt, dass der Mensch bewusst die Gemeinschaft mit Gott abbricht und seine Seele dadurch von Gott so weit entfernt, dass sie vom Leben abgeschnitten ist, quasi keinen Sauerstoff mehr bekommt und stirbt.
Gier ist Habgier und Habsucht in der schlimmsten Form.
Lateinisch heißt das avaritia. Sie beschreibt das maßlose, egoistische Verlangen nach materiellem Besitz, Macht oder Genuss, bei dem der Betroffene nie genug bekommt. Sie treibt dazu an, stets mehr anzuhäufen, und führt oft zur Ausbeutung anderer.
Gier zerstört Vertrauen und führt zu Betrug, Egoismus und Ausbeutung, und das zerstört jede zwischenmenschliche Basis. Beziehungen zerbrechen: nämlich Freundschaften, Partnerschaften, diplomatische Beziehungen, Völkerverständigung und familiäre Bande , wenn Geld oder Macht wichtiger werden als Menschen.
Im persönlichen Bereich schädigt die Gier oft unwiderruflich das gesellschaftliche Ansehen und die eigene Karriere.
Auf globaler Ebene führt die Gier nach Ressourcen, Territorien oder Macht zu Konflikten, Ausbeutung und Kriegen.
Und das hört da noch lange nicht auf.
Die rücksichtslose Ausbeutung der Erde zerstört ganze Ökosysteme und rottet Tierarten (das ist also Wilderei in schlimmsten Stil) aus.
Mangelnde Sicherheitsstandards aus Profitgier in Unternehmen oder bewaffnete Konflikte kosten real Menschenleben.
Wenn wir das alles zusammenzählen, dann führt es in der Summe weg vom Leben, weg von Lebendigkeit.
Und wenn etwas vom Leben und von der Lebendigkeit wegführt, dann führt es zum Tod.
Als Christen denken wir bei Tod ja gerne an die Auferstehung.
Damit es zur Auferstehung kommen kann, braucht es ein Eingreifen in den Tod. Das geschieht entweder durch Gott selbst oder aber es gibt einen göttlichen Auftrag dazu.
Nanu? Ein Auftrag an uns Menschen, Tote aufzuwecken?
Ja. Genau das steht heute im Evangelium. Jesus sagt: „Geht zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel! Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe!
Heilt Kranke, weckt Tote auf.

Weckt. Tote. Auf.
Das sagt er allen, die auf ihn hören wollen. Weckt Tote auf.
Und wir haben diese Toten unter uns. Wir müssen uns nur auf die Suche machen, wo wir Leute kennen, deren Gier riesengroß ist. Die die Umwelt und die Mitmenschen kaputt machen. Die den Frieden der Welt zerstören.
Das sind die Toten, um die wir uns kümmern können. Denn das sind die, sich so unendlich weit von Gott entfernt haben.
Ich hab gestern einem Freund von dieser heutigen Predigt erzählt. Er meinte sinngemäß: Naja, aber das schaffen wir doch nicht. Diese Leute sind für uns unerreichbar.
Ja stimmt. Bestimmte Leute können wir nicht erreichen.
Wir können aber Menschen erreichen, die in unserer Nähe sind. Am Arbeitsplatz. In der Nachbarschaft.
Wir können sie nicht zwingen. Wir können aber mithelfen, dass sich unsere Welt verändert.
Gier lässt nicht nicht einfach beseitigen, da sie oft aus verschiedenen Ursachen entsteht. Wer ständig Angst vor Mangel, Armut oder Unsicherheit hat, entwickelt eher das Bedürfnis, immer mehr anzuhäufen.
Wenn wir uns empathisch verhalten und anderen helfen, ihre Empathie zu entwickeln, dann wird rücksichtsvoller und weniger eigennützig gehandelt.
Wenn wir Werte vermitteln, wie Genügsamkeit, Großzügigkeit und Verantwortung der Gemeinschaft gegenüber, dann kann das dazu beitragen, den Wunsch nach dem ständigem Mehr zu begrenzen.
Und last not least: Wir können so leben, dass die anderen neugierig werden auf unseren Glauben und wir ins Gespräch kommen. Denn das erreichen wir nicht, indem wir einen Lautsprecher aufstellen und die Leute anschreien, dass sie nicht in den Himmel kommen.
Da erreichen wir, indem wir unseren Glauben an die Auferstehung und das Leben im Alltag zeigen:
Wenn wir Liebe zeigen, wo Hass vorherrscht.
Wenn wir uns bei offensichtlichem Unrecht zu Wort melden.
Wenn wir Vorbild sind und selber nicht gierig, nicht hasserfüllt sind.
Weckt Tote auf. Das ist ein Aufruf, sich dem Leben zuzuwenden. Und wenn wir alle zusammenhalten, dann werden wir die Welt verändern.


