Beten heißt, Gott in die Welt zu bringen

Gott in die Welt bringen

Predigt am 1. Fastensonntag, 22.02.2026 zu Mt 4,1-11

Ich möchte heute an drei Fragen aufzeigen, wieso das heutige Evangelium so wichtig für unser Leben ist.

Die erste Frage lautet: Warum hat sich Jesus eigentlich in die Wüste zurückgezogen?

Die Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas berichten übereinstimmend von diesem Rückzug. Jesus stellt sich damit in eine spirituelle Tradition des Judentums. Die Wüste ist dabei nicht einfach nur ein geografischer Ort, sondern hat viel mit Theologie zu tun. Es geht um Gotteserfahrung, um Prüfung und geistliche Erneuerung.

Bereits im Alten Testament spielt die Wüste eine zentrale Rolle in der Geschichte Israels. Nach dem Auszug aus Ägypten zieht das Volk vierzig Jahre durch die Wüste. Diese Zeit wird verstanden als Lernprozess des Volkes Israels: Sie brauchen diese Zeit, um sich auf Gott wieder neu einzulassen, ihm immer mehr zu vertrauen.

Auch bedeutende Gestalten der Heilsgeschichte begegnen Gott in der Wüste oder an wüstenähnlichen Orten: Mose empfängt am Sinai die Weisung Gottes, und der Prophet Elija erfährt auf seiner Flucht in die Wüste neue Stärkung und Gottes Nähe am Horeb (1 Kön 19). Die Wüste wird so zu einem Ort der Neuausrichtung auf Gott.

Diese Tradition greift das Neue Testament bewusst auf. Dass Jesus sich nach seiner Taufe für vierzig Tage in die Wüste zurückzieht, erinnert an die vierzig Jahre Israels, an die vierzig Tage des Mose auf dem Berg und an die vierzigtägige Wanderung Elijas. Die Zahl und der Ort verweisen darauf, dass Jesu Weg in Kontinuität mit der Geschichte Gottes mit seinem Volk steht. Auch die Versuchungen Jesu spiegeln die Erfahrungen Israels wider: Hunger, die Frage nach Vertrauen und die Versuchung, eigene Macht an die Stelle des Gehorsams gegenüber Gott zu setzen.

Darüber hinaus gab es zur Zeit Jesu auch konkrete Formen jüdischer Frömmigkeit, die mit Rückzug, Fasten und intensivem Gebet verbunden waren. Fromme Menschen suchten Zeiten der Stille, um sich auf wichtige Aufgaben vorzubereiten oder um Gottes Willen zu erkennen. Besonders bekannt ist die Gemeinschaft von Qumran, die wahrscheinlich mit den Essenern verbunden war. Diese Gruppe lebte bewusst in der Wüste am Toten Meer, um ein Leben der religiösen Reinheit zu führen und sich auf das erwartete Handeln Gottes vorzubereiten. Auch Johannes der Täufer wirkte in der Wüste und rief dort zur Umkehr auf.

Der Rückzug Jesu war kein ungewöhnlicher oder einzigartiger Vorgang. Die Wüste galt im jüdischen Verständnis als ein Ort ohne Ablenkung und äußere Sicherheiten. Gerade in dieser Situation kann der Mensch sich ganz auf Gott ausrichten. Die Erfahrung der Leere und der Bedürftigkeit wird als Voraussetzung gesehen, um Gottes Stimme zu hören und neue Klarheit für den eigenen Auftrag zu gewinnen.

In den Evangelien markiert die Zeit in der Wüste den Übergang vom verborgenen Leben Jesu zu seinem öffentlichen Wirken. Nach der Phase des Fastens, der Prüfung und der inneren Klärung beginnt er mit der Verkündigung des Reiches Gottes. Damit entspricht sein Weg dem Muster biblischer Berufungsgeschichten: Gottesbegegnung, Bewährung und anschließend Sendung.

Wir wissen ja, dass Jesus in der Wüste viel gebetet hat.
Die zweite Frage lautet daher: Was heißt das eigentlich, zu beten?

Oder zunächst: Was heißt es nicht?

Beten heißt nicht, eine Bestellung aufzugeben. Nach dem Motto: Ich lade mir eine App auf mein Handy, tippe dort mein Gebet ein, bete mal schnell um den Jackpot im Lotto, und die Lieferung bitte am nächsten Samstagabend, vielen Dank, mit freundlichen Grüßen.

Beten heißt nicht, dass ich Gott sage, was er zu tun hat. Das weiß er schon selbst am besten.

Beten heißt, Gott in die Welt zu bringen.
Wenn ich bete, dann mache ich in meinem Herzen und in meinen Gedanken Platz für ihn.
Ich gebe ihm Raum, mit dem, was er mir sagen möchte.
Ich gebe seiner Liebe Raum, von der Jesus immer wieder spricht.
Ich gebe seinem Frieden Raum, den unsere Welt so dringend braucht.

Beten heißt daher: Still werden, auf Gottes Wort hören, ihm Raum geben, und mich von ihm verändern zu lassen. Und wenn ich mich darauf einlasse, wenn ich mich von ihm verändern lasse, dann bringe ich Gott in die Welt. Ich werde dann zu einem Menschen, der etwas ausstrahlt. Der Gott Platz macht, Raum gibt, und zwar so, dass andere Menschen neugierig werden auf diesen Gott.

Dabei geht es nicht darum, mich mit dem Megaphon an die Straße zu stellen und allen anderen zu erklären, wie toll ich bin. Es geht um stille Zeichen der Nähe, der Zuwendung, der Nächstenliebe. Es geht um aktives Zuhören und da sein. Es geht um Vermittlung bei Konflikten und darum, den Vergessenen dieser Welt ein Gesicht zu geben.

Und damit komm ich zur dritten Frage.
In der ersten Frage ging es um den Lernprozess, sich Gott anzuvertrauen.
In der zweiten Frage darum, dass ich Gott durch das Gebet in die Welt bringen soll.

Und nun geht es um die Vergewisserung:
Was gibt uns Orientierung?

Wir sollen auf die Bibel hören.

Dreimal wird Jesus angefragt. Ihm wird Reichtum und Macht versprochen, wenn er sich von Gott abwendet.
Nun glauben wir ja, dass Jesus Gottes Sohn ist. Er KANN sich gar nicht von Gott abwenden, geschweige denn, dass er das wollte. Daher geht es hier um eine Erzählung, die uns klar machen soll, wie wir mit solchen Versuchungen umgehen können und umgehen sollen.

Jesu Antwort:
Wir leben nicht nur vom Brot, sondern von Gottes Wort.
Wir sollen Gott nicht auf die Probe stellen. Oder andersrum: Er allein entscheidet.
Und: Wir sollen nur Gott anbeten, nicht das Geld oder K-Pop-Stars oder den Konsum.

Amen.

Ihr und euer
Diakon Edgar, der Diakon mit der Mütze

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