21. Dezember: Das beste Geschenk

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Als Kind war der Hl. Abend für mich immer der schönste Abend im Jahr mit allem was dazugehört: Der Kirchgang, das traditionelle Essen, die Weihnachtsgeschichte und dann vor allem die Geschenke.

Der Kaplan sagte zwar immer: Das grösste Geschenk an Weihnachten sei die Geburt Jesu; für mich war es jedoch nur das zweitbeste Geschenk, das Beste war die Märklin Eisenbahn.
Und jetzt wieder einmal Weihnachten in Shanghai, zum 19. Mal Weihnachten in Shanghai ist wie Chinese New Year in Deutschland, erst einmal befremdlich.
Vor 12 Jahren kam ein deutscher Austauschstudent in Shanghai zu unserem Hl. Abend Gottesdienst in die St. Peters Church in der Chong Qing Nan Road. Nach der Christmette sagte er: In der Kirche hatte ich gerade für eine Stunde das Gefühl von Weihnachten. Jetzt ist es schon wieder weg.
Und sicher: Weihnachten in Shanghai zu feiern ist nicht so ganz einfach, weil die Atmosphäre hier so ganz anders ist: Es wird gearbeitet, es ist kein Familienfest, es fehlt diese besondere weihnachtliche Hl. Abend Atmosphäre.
Und doch haben mir die Hl. Abende während der Covid Jahre, wo unser Weihnachtsgottesdienst nicht in einer Kirche, sondern in einem Hotel stattfand, gezeigt: Den 24. Dezember einmal anders zu begehen, ist auch eine Chance. Weihnachten lebt von der Gewohnheit, doch auch von der Überraschung.
Der Hl. Abend zeugt von der Kraft der Tradition, doch bleibt vital im Unplanbaren. Und damit symbolisiert Weihnachten, dass was unser Leben spannend und sinnvoll macht: Diese Verbindung von eigener Anstrengung und Talent mit den von uns nicht selber hergestellten positiven Überraschungen des Lebens, mit den geschenkten Glückswiderfahrnissen des Daseins, die in unserem Inneren eine Resonanz erzeugen; die eine Herzenssehnsucht in uns aufflammen lassen, und uns in dem Bewusstsein stärken: es ist gut, dass wir auf der Welt sind.
Es ist diese Verbindung von Machbaren mit dem Nicht-Machbaren was die Würze und das Spannende unseres Lebens ausmacht. Und wagen wir es ruhig einmal in die Bibel zu schauen. Da finden wir in den ersten beiden Kapiteln des Matthäus und des Lukasevangeliums den Bericht von der Geburt eines Kindes. Und diese Geburt war eine Überraschung. Die Mutter dieses Kindes, Maria, wird plötzlich schwanger. Das Kind wird in einem Stall geboren. Die Hirten und später heilige weise Männer beten es an, als Retter der Menschen. Ganz unerwartet geschieht in einem kleinen Randflecken des grossen römischen Reiches etwas nicht Vorgesehenes. Ganz unbeobachtet von den Orten der Aufmerksamkeitsökonomie ereignet sich fast im Verborgenen ein Geschenk des Unverfügbaren. Nicht der auf Lebenszeit herrschende römische Kaiser bringt das Heil, sondern ein kleines wehrloses Kind aus der Peripherie. Erwartungen werden durchkreuzt. Das Unwahrscheinliche wird Wirklichkeit.  

An Weihnachten sind wir eingeladen wie in Bethlehem vor über 2000 Jahren auch ein Geschenk des Unverfügbaren zu empfangen. Dieses Geschenk wird sicher nicht alle unsere Probleme lösen und auch nicht all unsere Wünsche erfüllen.
Vielmehr möchte es uns einladen aufmerksam zu werden für die vielen Dinge und Ereignisse in unserem Leben, die in unserem Herzen eine Resonanz erzeugen, gerade weil sie von uns nicht machbar und planbar sind, und in uns eine tiefe innere Freude erzeugen, obwohl die Lebensumstände von Herausforderungen gezeichnet sind. Damit wir dieses Geschenk so richtig empfangen können, ist es jedoch gut eine weihnachtliche Spiritualität zu leben. Hierzu möchte ich wagen drei Vorschläge zu machen:

Erstens: Bauen wir in unseren Tagesablauf eine Zeit des Schweigens ein, eine Phase der Ruhe, wo wir ganz still werden. Entleeren wir dort wie bei einem Lauftraining zunächst unsere Gedanken, und hören dann auf die inneren Anregungen und Impulse, die wir empfangen.
Ich selber versuche jeden Tag zu beten, und da sage ich zunächst sicher Gott erstmal meine Bitten, aber nach einer Weile höre ich auf damit, und versuche zu hören was Gott mir sagen möchte. Auch beim Gebet geht es ja eher nicht so sehr darum, dass wir Gott befehlen was er machen soll, als Seinen Willen für unser Leben zu entdecken. Und nicht jedes Mal, aber doch recht häufig, entsteht dort so etwas wie eine vertikale Resonanz, wird eine verborgene Energie frei. Einige von Euch kennen, das sicher auch beim Laufen. Wenn man im flow ist, kommen einem plötzlich überraschend neue Gedanken. Auch ein Gedicht oder ein Kunstwerk soll ja nicht interpretiert werden,  keine Information liefern, sondern eine Resonanz in uns erzeugen, ein Geheimnis in unserem Herzen aufleuchten lassen. Darum geht es auch bei dem Still werden, dass wir bereit sind uns befremden zu lassen, im Schweigen auch das Bewahrenswerte und Bleibende in unserem Leben wahrnehmen, die verborgenen Energien der Welt entdecken.  

Zweitens: Versuchen wir im Tagesablauf ausdrücklich auch einige Male Nein zu ein paar eingeschlichenen Gewohnheiten zu sagen, die uns scheinbar Glück versprechen, aber nur eine kurze Befriedigung schenken und schnell eine innere Leere und Unzufriedenheit entstehen lassen. Manchmal passiert es mir, dass ich nach dem Mittagessen etwas müde bin und mich dann auf das Sofa werfe und einen Film anschaue und nach spätestens 10 Minuten kommt es mir wie eine Zeitverschwendung vor. Auch einmal nein zu einer Versuchung oder bloßen Anhänglichkeit zu sagen, macht wirklich glücklich, auch wenn uns die Werbung und der Zeitgeist das Gegenteil einreden wollen. Denn das Nein hilft uns das zu finden, was uns eine bleibende Erfüllung schenkt, und das trägt unser Leben viel stärker auch wenn es nicht immer so starke Gefühle bei uns auslösen mag.  

Drittens: Halten wir Spannung aus, und versuchen sie nicht einseitig aufzulösen. Und dies scheint mir als spirituelle Einstellung bei Herausforderungen, die uns im Leben in Shanghai, sei es beruflich oder privat begegnen wichtig: Eine Situation nicht schön zu reden, aber doch wahrzunehmen, was auch für Chancen in schwierigen Situationen liegen. Etwa die Möglichkeit der Veränderung, der persönlichen Transformation. Schauen wir nochmal in die Bibel: Da lesen wir, dass der Erzengel Gabriel zu Maria kommt, und ihr ein Kind verheisst. Ist dieser Erzengel kein Realsymbol für das Unverfügbare, das nicht Planbare? Maria nimmt diese Überraschung an, und ihr Leben wird zu einem Abenteuer der persönlichen Transformation und sie zu einem der faszinierendsten Menschen der Weltgeschichte. Spannung zu halten: sicher nicht immer einfach – wir erleben immer wieder, dass das nicht immer gelingt. Doch wenn wir es meistens schaffen die Spannung zu halten werden wir Resilienz erfahren, und wir werden immer mehr spüren, dass es uns auch in schwierigen Situation gelingt, dass uns nicht Ärger, Zorn, Angst oder andere Emotionen so im Griff haben, dass sie unser Denken und Handeln bestimmen. Wir werden frei und entdecken, dass wir als Persönlichkeit gereift sind und können auch bewusster Verantwortung zu übernehmen.

Euch und Ihnen allen noch gute Adventstage und dann allen ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest. 圣诞快乐!

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Digitaler Adventskalender 2023 „Gott kommt bei mir an“ – ein Projekt von KIAA: Katholisch In Asien und Australien – Deutschsprachige Katholische Seelsorge im Auftrag des Auslandssekretariates der Deutschen Bischofskonferenz www.auslandsseelsorge.de.

Autor des heutigen Beitrags:

Pfarrer Dr. Michael Bauer, Deutschsprachige Christliche Gemeinde Shanghai
www.dcgs.net michaelh.bauer@nexgo.de

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